Husten und husten lassen

Vor einigen Tagen erwachte ich mit einem leichten Kratzen im Hals. Das wäre nicht erwähnenswert, ich habe leichte Allergien. Da ich mich ausgesprochen streng an die Hygieneregeln halte, hätte ich mir über dieses Halskratzen, das ich seit Jahren kenne, keine Gedanken in Bezug auf Corona gemacht.

Genau an diesem Tag aber rief mich das Gesundheitsamt an und teilte mir mit, dass ich einige Tage vorher in einem Restaurant auf derselben Terrasse gesessen hatte wie jemand, der kurz darauf positiv auf Corona getestet wurde. Man sagte mir, dass ich als Kontaktperson in die „Kategorie II“ falle, also nur ein geringes Ansteckungsrisiko hätte. Ich müsste mich deshalb nur dann testen lassen, wenn es zu Symptomen komme, Halsschmerzen etwa. Halsschmerzen? Ich wusste in diesem Moment, dass die Entscheidung darüber, wie mein Halskratzen einzuordnen sei, in jedem Fall nachhaltige Konsequenzen für mich und mein weiteres Umfeld haben würde.

Gar keine Frage: Natürlich sollte man sich beim geringsten Verdacht testen lassen, natürlich sollte man sich in Quarantäne begeben, bis das Ergebnis da ist. Aber wenn es einen selbst betrifft, stellte ich fest, ist es dann doch nervig, wegen eines offiziell „geringen“ Risikos zwei Tage lang alle Verabredungen abzusagen und auch zu Hause nur mit Maske rumzulaufen. Der antisoziale Egoist in mir lehnte sich kurz gegen den verantwortungsbewussten Staatsbürger auf.

Aber Gesellschaft funktioniert nun mal nur, wenn sich ein ausreichender Anteil der Mitglieder regelmäßig nicht nur sich selbst, sondern auch der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich verhält, wenn genügend Menschen in ihrem Handeln das Umfeld und auch das große Ganze mitbedenken. Gleichzeitig gibt es aber auch wenig, was so unglücklich machen kann, wie wenn man die eigenen Bedürfnisse nur abstrakten Normen unterordnet und sein Leben ganz an anderen ausrichtet. Wenn es so weit geht, dass man nicht mehr das Gefühl hat, dass es im eigenen Leben um einen selbst geht. Und was wäre auch eine Gemeinschaft wert, die zur völligen Selbstaufgabe der an ihr beteiligten Individuen führt?

Bei dem Versuch, in diesem Spannungsfeld zwischen Verantwortung für die Gemeinschaft und Verantwortung für sich selbst einen guten Weg zu finden, steht man immer wieder vor der Frage der Risikoabschätzung: Lohnt es sich genau jetzt, persönlich einen großen Aufwand zu betreiben, um die sehr kleine Gefahr auszuschließen, dass für die Gemeinschaft ein potenziell großer Schaden entsteht? Einige neigen hier eher zu einem übermäßigen Pflichtgefühl. Anderen schwillt schon trotzig der Kamm, wenn die Bundeskanzlerin öffentlich dazu auffordert, sich regelmäßig die Hände zu waschen.

Wichtig ist es, einen Weg zu finden, der beide Kriterien im positiven Sinne erfüllt: dem Individuum ausreichend großzügigen Spielraum zu lassen für die individuelle Entwicklung – und ihm trotzdem im Rahmen der eigenen Möglichkeiten abzuverlangen, bestmöglich zum größeren Wohl der Gemeinschaft beizutragen. Nur nach welchen Kriterien entscheidet man, mit welcher Strenge verantwortliches Verhalten eingefordert werden sollte? Müssen alle immer dazu gezwungen werden, sich an jede Regel zu halten? Oder reicht es, darauf zu achten, dass es im Großen und Ganzen relativ gut funktioniert? Und, ketzerisch gefragt: Braucht es nicht immer auch Regelbrecher, die die Gemeinschaft daran erinnern, dass der Sinn von Regeln immer wieder auch kritisch hinterfragt werden muss?

Mit Blick auf die vergangenen Monate muss man sagen, dass es bewundernswert ist, mit welcher Disziplin sich in Deutschland die meisten Menschen in den meisten Situationen an die jeweils geltenden Hygieneregeln halten. Sicher ist das einer der Gründe dafür, dass Deutschland im internationalen Vergleich relativ gut durch die Pandemie kommt. Neben einem ausgezeichneten medizinischen System, das Infektionen schon sehr früh erkannte und die richtigen Konsequenzen zog.

Letztlich kann Verantwortung nicht durch Zwang funktionieren, sondern nur durch Überzeugung. Denn welchen Wert hat eine Gesellschaft, deren Beteiligte aus Angst vor Schuldgefühlen oder Strafe den Rücken beugen, statt aus stolzem Bekenntnis zu der Gemeinschaft im Sinne einer übergeordneten Einheit handeln?

Ich gebe zu, zuerst habe ich mich über den jungen Mann geärgert, der da im Restaurant am anderen Ende der Terrasse saß und vor sich hin gehustet hat – ich weiß genau, wer das war. Auch, weil ich zu meiner Frau noch scherzhaft gesagt hatte: „Hoffentlich hat der kein Covid-19!“ Hatte er nicht über die Konsequenzen nachgedacht, die sein Verhalten für andere Menschen in seinem Umfeld haben könnte? Für Menschen wie meine Frau und mich, die endlich mal ohne Kinder gemeinsam ausgehen konnten und dann seinetwegen gleich vor all diesen nervigen Abwägungen standen? 

Was aber, wenn er auch dachte, dass er nur hustet, weil er eine Allergie hat? Oder wenn er aufgrund der niedrigen Sieben-Tage-Inzidenz in der Region seinen Husten für eine einfache Erkältung hielt? Ganz verantwortungslos konnte er ja nicht sein, denn immerhin zeigte meine Corona-App den Kontakt an – ich nehme zumindest an, dass es dieser Kontakt war. Er musste die App also selbst auch installiert haben. Oder hatte er sie installiert, um seine Schuldgefühle loszuwerden – um die Verantwortung sozusagen an das Warnsystem zu delegieren? 

Letztlich kann ich all diese Fragen nicht beantworten, und es steht mir auch nicht zu. Ein wichtiges Prinzip einer Gemeinschaft, in der Individuen neben der Verantwortung für das eigene Leben auch Verantwortung für übergeordnete Werte übernehmen, ist auch die Verpflichtung, auf Selbstjustiz zu verzichten und das Urteil über die Schuld anderer Menschen den übergeordneten Instanzen zu überlassen, deren Aufgabe es ist, unabhängig von persönlichen Affekten darüber zu entscheiden.

Und an dieses Prinzip der übergeordneten Gerichtsbarkeit sollten vielleicht auch Journalisten und Wissenschaftler gelegentlich erinnert werden, die durch eine gewachsene Meinungsführerschaft in den traditionellen und sozialen Medien über einen Einfluss verfügen, der in der Regel nicht demokratisch legitimiert ist. Verantwortliches Handeln beginnt nicht mit der Überzeugung, dass die eigene Meinung der Meinung anderer überlegen ist.